Rituelle Gewalt

Ritueller Missbrauch ist schwerer sexueller, physischer und emotionaler Missbrauch, der sich in einem Kontext ereignet, verbunden mit Symbolen oder Tätigkeiten, die den Anschein von Religiosität, Magie oder übernatürlicher Bedeutung haben. Rituelle Gewalt findet z.B. in Sekten und Kulten statt, in denen sie unter anderem dazu dient, durch die Kopplung extremer sexueller Gewalterfahrung mit mystischen Erfahrungen den Verlust des Egos einzelner Mitglieder zu erwirken. Sexualisierte Gewalt ist dabei Teil eines Gewaltkontinuums. Ebenso wird physische und psychische Gewalt ausgeübt. Ideologischer Kontext ritueller Gewalt ist vielfach der Satanismus, der verschiedene Strömungen aufweist. Ritueller Missbrauch und rituelle Misshandlungen kommen darüber hinaus in mehr oder weniger organisierten kriminellen Systemen vor, die keinen satanischen Hintergrund haben. Kindern wird hier z.B. vermittelt, durch übernatürliche Kräfte bedroht zu sein. In diesen Systemen sind der Missbrauch für Kinderprostitution und Kinderpornografie häufig.

 

Satanismus
Satanismus ist nicht nur eine historisch belegte Realität sondern ebenso Gegenwart. Die Gefahr und Brutalität, die von satanischen Sekten und Kulten ausgeht, wird allgemein stark unterschätzt bzw. verleugnet. Organisierte satanische Vereinigungen haben sich bereits mit der Etablierung christlicher Kirchen als eine Art "Gegenbewegung“ gegen das Christentum gegründet. Satanismus kann als rituelle Verehrung und Verherrlichung des Bösen verstanden werden oder als "Religionssystem, in dem die Anbetung Satans stattfindet, was immer man unter Satan versteht (das Ich, Zügellosigkeit, das Böse, böse Prinzipien, einen Mythos, einen Dämon oder eine Gottheit).“ Satanische Sekten und Kulte bedienen sich magischer Rituale ("Schwarze Magie“) und verwenden bestimmte Symbole (z.B. umgedrehtes Kreuz, Drudenfuß). Es werden "schwarze Messen“ abgehalten, in denen Satan als Gott angebetet wird, Tier- und/oder Menschenopfer erbracht werden, vergewaltigt, missbraucht, misshandelt und u.U. auch gemordet wird.

 

Den Mitgliedern wird unbedingter Gehorsam abverlangt, und sie verpflichten sich zu absoluter Geheimhaltung. Mitglieder werden nicht nur selbst gedemütigt, verletzt und vergewaltigt, sondern auch dazu angehalten, bei Folterungen oder "Opferungen“ zuzusehen, dabei zu sein oder mitzuwirken. M. Huber zitiert aus einer US amerikanischen Studie von Young et al. Prozentangaben von Gewaltformen, die 37 PatientInnen als Überlebende satanischen Missbrauchs erlebt hatten:

  • sexuelle Misshandlung (100%)
  • körperliche Misshandlung / Folter am eigenen Leib bzw. zusehen müssen, wie andere gefoltert werden (100%)
  • bei Verstümmelung/ Tötung von Tieren dabei sein oder assistieren (100%)
  • mit dem Tod bedroht werden (100%)
  • zum Drogenkonsum gezwungen werden (97%)
  • Dabei sein und Assistieren bei „Opferungen“ (Tötung) von Kindern und Erwachsenen (83 %)
  • erzwungener Kannibalismus (81 %)
  • mit Satan "verheiratet“ werden (78 %)
  • lebendig in Särgen oder Gräbern begraben werden (72 %)
  • erzwungene Schwängerung und Opfern des eigenen Kindes (60%)

 

Satanismus ist kein einheitliches Konstrukt, sondern es gibt verschiedene Strömungen und Gruppierungen mit unterschiedlichen Inhalten und Zielsetzungen.
Opfer ritueller Misshandlung sind vor allem Kinder und Frauen. ,Die psychische und körperliche Gewalt verbunden mit sexuellem Missbrauch dient dazu, absolute Dominanz über die Opfer zu erlangen, ihr Handeln und ihr Leben vollkommen zu bestimmen. Es werden tiefe Ängste und Gedächtnisverluste oder Abspaltungen von Erinnerungen erzeugt. Die Suggestion von "Freiwilligkeit“ sowie durch die Mittäteraspekte wird das Schweigen gesichert.

 

Folgen Rituellen Missbrauchs
Opfer rituellen Missbrauchs entwickeln neben allen anderen beschriebenen Folgen emotionalen, physischen und sexuellen Missbrauchs ggf. ein Persönlichkeitssystem, dass als "Multiple Persönlichkeitsstörung“ (MPS) oder neuer als "Dissoziative Identitätsstörung“ (DIS) beschrieben wird.

 

Die Dissoziative Identitätsstörung ist dadurch gekennzeichnet, dass zwei oder mehr Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände in einem Menschen bestehen. Dabei übernehmen mindestens zwei Persönlichkeiten zeitweise die Kontrolle über Körper und Geist ein und für wenigstens einige Persönlichkeiten besteht dabei ein Gedächtnisverlust, während eine andere Person die Kontrolle hat (vgl. DSM IV). Die Persönlichkeiten eines Systems können unterschiedlichen Geschlechts und Alters sein, verschiedene Fähigkeiten haben, unterschiedliche körperliche Reaktionen auf dieselben Reize zeigen, unterscheiden sich in Gestik, Mimik, Sprache sowie Schrift, Gehirnströmen usw.. Der Grad der Kooperation der Persönlichkeiten sowie der Grad des Bewusstseins von anderen Persönlichkeiten (Co-Bewusstsein, wie Möglichkeit auf Erinnerungen und Handlungen der verschiedenen Persönlichkeiten zurückzugreifen) variiert.

 

Dissoziation bedeutet Abspalten, Trennen und ist, wie auch die Assoziation, eine bestimmte Art, Informationen zu verarbeiten. Dissoziation bezeichnet die Unterbrechung von normalerweise integrativen Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität und der Wahrnehmung. Die Abspaltungen können während eines traumatischen Erlebnisses oder aber später erfolgen.

 

Dissoziative Identitätsstörungen beginnen bereits in der frühen Kindheit. Bedingungen, die zu derartigen Dissoziationen führen können sind Extremsituationen fortgesetzter psychischer, physischer und sexueller Misshandlung aus denen kein Ausweg, keine Flucht möglich ist sowie eine gute Dissoziationsfähigkeit der Opfer.
Bei fortgesetzter extremer Gewalt d.h. extrem traumatisierenden Ereignissen, in denen weder die Möglichkeit einer Gegenwehr oder eine Flucht besteht, bewirkt die Abspaltung des Geschehens von der originären eigenen Person einen Schutzmechanismus gegen Angst und Schmerz. Die originäre Person ist zeitweilig 'nicht da‘ und erlebt die Gewalt nicht. Stattdessen erlebt eine andere Persönlichkeit das Geschehen. Diese hat Schutzfunktion und besitzt z.B. Kompetenzen, das Geschehen zu ertragen, da sie z.B. keinen Schmerz empfindet.

 

Dissoziation ist dann als Abwehrmechanismus erforderlich, wenn andere bewusste Verarbeitungsmöglichkeiten nicht bestehen. Insbesondere kleinere Kinder mit noch nicht ausgeprägter Identität haben bei mehreren und/oder wiederkehrenden Traumata keine Verarbeitungsmöglichkeiten und müssen dissoziieren, um zu überleben.
Unterstützung für Opfer ritualisierter Gewalt.

 

Für Opfer ritualisierter Gewalt ist es im Allgemeinen sehr schwer, Unterstützung in Form von Beratung und Therapie zu bekommen, und die Suche nach Hilfe in verschiedenen Einrichtungen dauert oft mehrere Jahre.

 

Therapie
Die Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung ist schwierig und langwierig, was multiple Frauen nicht davon abhalten sollte, eine Psychotherapie zu machen. Dabei kann es keinesfalls immer das Ziel sein, alle Persönlichkeiten zu einer zu integrieren. Vielmehr geht es vielfach darum, die Kooperation und Kommunikation der Persönlichkeiten untereinander zu verbessern und dadurch die Bewältigung des alltäglichen Lebens und die Kontrolle über den Körper besser zu bewältigen. Oft dauert es lange, bis die Betroffenen eine kompetente Therapeutin finden oder eine, die bereit ist, sich kompetent zu machen und sich auf den therapeutischen Prozess einzulassen, der viele Jahre in Anspruch nimmt. Problematisch ist insbesondere auch, dass die Therapie mit einer multiplen Klientin bei weitem über die Anzahl der Therapiestunden hinausgeht, die normalerweise von den Krankenkassen gezahlt werden.

 

Beratung
Eine Beratung kann ergänzend zu einer Therapie für multiple Frauen sehr hilfreich sein, bzw. kann sie durch die Vermittlung kompetenter TherapeutInnen einen Weg in die Therapie bahnen. Viele Frauennotrufe bieten Beratung für multiple Frauen an. Sie können kompetente ÄrztInnen und TherapeutInnen vermitteln sowie bei Anträgen auf Namensänderung, Opferentschädigung usw. unterstützen und Anwältinnen sowie weitere Unterstützungsangebote vermitteln, wie ggf. Selbsthilfegruppen oder Wohngruppen.